Moderation: Johannes Mirus

Der Früh­rent­ner Erwin Hund­mei­er weiß, was um ihn her­um pas­siert. Das weiß er vor allem, weil er den Über­bli­ck hat. Von sei­nem Wohn­zim­mer aus im vier­ten Sto­ck eines Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses kann er ganz gen­au beob­ach­ten, was auf der Stra­ße unter ihm los ist. Und da ist viel los, es ist näm­li­ch eine der Haupt­ein­kaufs­stra­ßen des Ortes. Und der Ort, in dem Hund­mei­er lebt, ist nicht klein. Aus dem gesam­ten Umland kom­men die Men­schen, vor allem natür­li­ch an den Wochen­en­den, um in die­ser Geschäfts­ge­gend ein­zu­kau­fen; oder wie es neu­deut­sch heißt: um zu shop­pen.

Erwin Hund­mei­er mag vor allem die ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­ge vor Weih­nach­ten beson­ders gern. Das geschäf­ti­ge Trei­ben; die ein­zel­nen, wild umher­wu­seln­den Men­schen, die sich durch die bei­na­he star­ren Mas­sen win­den; die fest­li­che Beleuch­tung, die von den Geschäfts­in­ha­bern rund­her­um orga­ni­siert wur­den – es erin­nert ihn an ande­re Zei­ten. An bes­se­re Zei­ten, als ihn sei­ne Frau Gud­run noch nicht ver­las­sen hat­te, als sie noch nicht an der Per­spek­tiv­lo­sig­keit ihres Lebens zer­bro­chen war, an der sie ihm die Schuld gab. An Zei­ten, als er noch nicht Trost such­te im Alko­hol, als er noch nicht feh­len­de Wär­me kom­pen­sie­ren mus­s­te durch immer bil­li­ger wer­den­den Fusel, weil auch das Geld schon lan­ge nicht mehr reich­te. Was soll­te er aber auch son­st machen, den gan­zen Tag? Es bleibt ihm nicht mehr viel, weder vom Leben, noch von des­sen Qua­li­tät.

Erwin Hund­mei­er ist ein­sam, aber der Bli­ck auf die Men­schen ver­schafft ihm Kon­trol­le. Solan­ge er nur weiß, was um ihn her­um pas­siert, solan­ge hat er auch das Gefühl, dass ihm das Leben nicht voll­ends ent­glit­ten ist. Die erha­be­ne Posi­ti­on, der Über­bli­ck über das, was die Mas­se da unten nicht sehen kann, das hat nur er. Weil er auf­passt und da ist. Auch wenn ihn nie­mand zu brau­chen scheint.

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